TED LASSO STAFFEL 4: HÖRT AUF, DIE ERSTE STAFFEL ZURÜCKZUWOLLEN

Wenn man sich um fünf Uhr in der Früh die neueste Folge einer Serie anschaut, kann es durchaus sein, dass man diese Serie mag.

Ich habe mir gerade Folge 5 der vierten Staffel von „Ted Lasso“ reingezogen. Und ja: Ich mag diese Serie noch immer sehr.
Die vierte Staffel war für mich zunächst eine überraschende Rückkehr. Nach drei Staffeln konnte man durchaus glauben, die Geschichte von Ted, Rebecca, Keeley, Roy, Coach Beard und den anderen wäre auserzählt. Jetzt sind sie wieder da – und ich sage gleich dazu: Die erste Folge der neuen Staffel muss man überleben.

Ich fand sie als Auftakt ziemlich schwach. Viel Wiedersehen, viel Aufbau, aber für mich noch wenig von dem, weshalb ich „Ted Lasso“ mochte. Ab Folge 2, sobald Ted wieder in Richmond ist und die Serie wieder stärker zu einer Arbeitsplatzgeschichte mit den privaten Katastrophen, Sehnsüchten und Beziehungen ihrer Figuren wird, war ich wieder dabei.
Die vierte Staffel bekommt durchaus gemischte Reaktionen. Ein Vorwurf lautet, sie finde ihren Kern nicht richtig oder wisse nicht genau, welche Geschichte sie erzählen möchte.

Ich glaube allerdings, dass dabei manchmal etwas anderes mitspielt: Viele wollen wieder genau jenes Gefühl haben, das die erste Staffel ausgelöst hat. Aber das lässt sich nicht reproduzieren. Die erste Staffel kam 2020 mitten in der Pandemie. Wir saßen zu Hause, die Welt war einigermaßen verrückt geworden, und plötzlich kam eine Serie daher, die Freundlichkeit, Optimismus und Menschlichkeit nicht für Naivität hielt. Das hat damals einen Nerv getroffen. Heute sind die Umstände andere.
Und natürlich gibt es auch Leute, die schon deshalb ein Problem mit Staffel 4 haben, weil es diesmal um Frauenfußball geht. Die Diskussion interessiert mich ehrlich gesagt nicht besonders. Wer daran grundsätzlich scheitert, ist vermutlich ohnehin bei einer Serie falsch, deren Kern seit Beginn Menschlichkeit, Empathie, Fehler, zweite Chancen und Menschen auf der Suche nach ihrem Platz sind.
Und genau das finde ich in Staffel 4 wieder.

Vielleicht muss man die Goldnuggets diesmal weniger im großen Überbau suchen als in den kleinen Momenten. Denn dort funktioniert „Ted Lasso“ für mich nach wie vor hervorragend. Fast jede wichtige Figur trägt eine Frage mit sich herum, auf die diese Staffel vermutlich irgendwann eine Antwort geben wird – oder zumindest einen Teil davon.
Dazu kommen interessante neue Figuren und immer wieder Auftritte alter Bekannter. Hier merkt man natürlich auch den Luxus einer Serie, die inzwischen über ein enormes Reservoir an Schauspielern, Figuren und Autoren verfügt. Sie kann jemanden verschwinden lassen, wieder hervorholen oder plötzlich eine neue Figur danebenstellen, ohne jedes Mal die ganze Welt neu erklären zu müssen.
Auch Ted selbst ist nicht mehr ganz derselbe.

Jemand schrieb in einem Kommentar, Ted Lasso sei in dieser Staffel nicht mehr die Figur, die er einmal war. Ja. Natürlich nicht.
Er ist grüblerischer. Er ist wieder in London, sein Leben hat sich verändert, er hat keine Beziehung und versucht gleichzeitig, ein neues Team aufzubauen. Ich finde das eher interessant als problematisch. Menschen bleiben schließlich auch im wirklichen Leben nicht jahrelang dieselben. Und man ist nicht immer der lustige Kerl, nur weil man einmal der lustige Kerl war.
Was weiterhin hervorragend funktioniert, sind Teds kleinen Geschichten, Vergleiche und scheinbar absurden Abschweifungen. Oft steckt darin genau jene kleine Lebensweisheit, die uns die Autoren mitgeben wollen, ohne gleich eine Tafel mit der Aufschrift „BOTSCHAFT!“ ins Bild zu halten.

Und dann wäre da natürlich der Fußball.
Der ist nach wie vor vollkommen unrealistisch.
Gefühlt steht jedes wichtige Fußballspiel bei „Ted Lasso“ bis zur letzten Minute auf der Kippe. Wer regelmäßig Fußball schaut, weiß: So funktioniert dieser Sport nicht. Manche Spiele sind nach 25 Minuten praktisch erledigt und danach schaut man noch 65 Minuten zu, weil man bereits Chips aufgemacht hat.

In dieser Hinsicht ist „Ted Lasso“ eine Fantasy-Serie.
Aber das macht nichts. Denn eigentlich ging es in dieser Serie ohnehin nie um den Ball. Es geht um die Menschen, die ihm hinterherlaufen.
Und dann gibt es natürlich noch die große Spekulation: Ted und Rebecca?
Die Serie setzt kleine Zeichen, und selbstverständlich diskutieren die Fans längst darüber. Ich hoffe nur, dass die Autoren nicht einfach das machen, was das Publikum von ihnen verlangt. Eine gute Serie darf Haken schlagen. Sie darf Erwartungen erfüllen – aber sie darf sie genauso gut enttäuschen, wenn daraus die bessere Geschichte entsteht.
Nach fünf Folgen bin ich jedenfalls wieder ziemlich drinnen.

Und wer um fünf Uhr morgens aufsteht, um die neue Folge zu sehen, ist entweder tatsächlich ein Fan – oder ein alter Mann, der öfter aufs Klo muss.

Bei mir trifft beides zu.