IST DAS NOCH KINO ODER SCHON VERKEHRSÜBERWACHUNG?

Der neue Film von Ridley Scott, „The Dog Stars“, ist draußen, und es gibt wieder riesige Diskussionen. Unter Kritikern, YouTube-Analysten und auch in meinem Bekanntenkreis. Vor allem über seine Arbeitsweise: Ridley Scott dreht mittlerweile teilweise mit elf Kameras gleichzeitig.



Diese Technik hat er sich irgendwann im Laufe seiner Karriere angeeignet und immer weiter ausgebaut. Dadurch arbeitet er natürlich wahnsinnig effizient und ist für einen Regisseur dieser Größenordnung erstaunlich schnell.
Ich sehe das aus zwei Perspektiven.
Erstens: Der Mann ist 88, bleibt im Budget und schafft noch immer großartige Welten.
Zweitens: Seine Arbeitsweise ist heute eine völlig andere. Das hat zuletzt auch Josh Brolin erzählt, der von dieser Art zu drehen offenbar ziemlich verwundert war.

Wenn man sich Scotts Klassiker anschaut – „Alien“ oder „Blade Runner“ –, dann sieht man einen Regisseur, der mit einzelnen Kamerapositionen Bilder erschaffen hat, die teilweise wie Gemälde wirken. Heute stehen bei ihm mitunter Kameras herum wie bei einer Verkehrsüberwachung zur Rush-Hour.
Aber das hat, glaube ich, nicht nur mit Ridley Scott zu tun.

Es hat auch damit zu tun, wie Filme heute produziert werden.

Wenn ich auf meine eigene kleine Berufswelt zurückblicke: Früher gab es große Besprechungen, Vorbereitungen, Proben, Diskussionen. Vieles davon ist in den letzten Jahren verschwunden oder wurde auf ein, zwei Leseproben reduziert. Die Vorbereitungszeit wird kürzer, die Anzahl der Drehtage wird kleiner. Und damit schwindet auch die Möglichkeit, am Set etwas entstehen zu lassen. Nicht weil die Leute es nicht mehr können, sondern weil ihnen dafür schlicht die Zeit fehlt.
Wenn du heute in 40 Drehtagen schaffen musst, wofür früher vielleicht 70, 80 oder 90 Tage zur Verfügung standen, verändert das zwangsläufig deine Arbeitsweise.

Und jetzt kommt die kleine Ironie an der Geschichte.
Ich arbeite ja selbst mit künstlicher Intelligenz. Und dort funktioniert es plötzlich wieder ähnlich, wie man vor 30 Jahren am Set arbeiten konnte: Ein Prompt entspricht im Grunde einer Kameraeinstellung. Und an dieser einen Einstellung arbeite ich so lange, bis sie genau so aussieht, wie ich sie haben möchte.
Ausgerechnet bei der so heftig kritisierten künstlichen Intelligenz kann ich mir also wieder den Luxus erlauben, mich minuten- oder stundenlang mit einem einzigen Bild zu beschäftigen.
Natürlich gibt es heute noch Regisseure wie Christopher Nolan, Paul Thomas Anderson oder Alejandro G. Iñárritu, der gerade mit Tom Cruise „Digger“ gedreht hat, die sich bei ihren Filmen eine sehr bewusste Bildgestaltung leisten können. Ich war bei diesen Dreharbeiten nicht dabei und weiß nicht, wie viel Freiheit und Zeit dort tatsächlich vorhanden ist. Aber ich rede auch nicht von den fünf, sieben oder zwölf Ausnahmemenschen, die es in jeder Filmnation und zu jeder Zeit gegeben hat.

Ich rede von den Leuten, die täglich von diesem Beruf leben müssen.
Und deren Filmen sieht man diese Limitierungen manchmal an.
Für mich gehört mittlerweile teilweise sogar Ridley Scott dazu. Nicht, weil er plötzlich vergessen hätte, wie man ein Bild komponiert. Sondern weil auch ein Ridley Scott innerhalb eines Produktionssystems arbeitet, in dem Zeit und Geld eine immer größere Rolle spielen.
Wobei man bei der ganzen Diskussion noch etwas berücksichtigen muss: Welche Art von Film drehe ich eigentlich?
Ein sehr gutes Gegenbeispiel ist „F1“ mit Brad Pitt von Joseph Kosinski. Bei einem Film, der mitten im realen Formel-1-Betrieb gedreht wird, bei dem Autos mit enormer Geschwindigkeit an einem vorbeischießen und Situationen teilweise nicht beliebig wiederholbar sind, wäre es geradezu absurd, aus einem falsch verstandenen Purismus heraus auf einer einzigen Kamera zu bestehen. Für „F1“ wurden die Rennwagen sogar so konstruiert, dass Kameras an zahlreichen unterschiedlichen Positionen montiert werden konnten.
Da ist die Mehrkamera-Technik keine Notlösung. Da ist sie Teil der filmischen Sprache.
Das Gleiche gilt für eine große Actionszene, einen Stunt oder bestimmte Formen der Komödie. Es gibt Momente, in denen mehrere Kameras nicht weniger Gestaltung bedeuten, sondern überhaupt erst ermöglichen, einen bestimmten Moment einzufangen.
Und genau deshalb finde ich die Diskussion „eine Kamera ist Kunst, elf Kameras sind Fernsehen“ ein bisschen zu einfach.
Es kommt darauf an, was ich erzählen möchte.

Dazu kommt die technische Entwicklung. Alle haben gejubelt, als plötzlich Fotoapparate hervorragend filmen konnten. Auf einmal konnte man relativ günstig mit zwei, drei, fünf Kameras drehen. Irgendwann wurden selbst läppische YouTube-Videos aus sieben Kamerapositionen aufgenommen – selbstverständlich mit Filmlook, geringer Tiefenschärfe und allem Drum und Dran.
Die Bildsprache hat sich dadurch verändert. Und damit auch unsere Sehgewohnheiten.
Es ist also nicht allein die Schuld des Herrn Ridley Scott, dass er heute manchmal dreht, als hätte er einen Raum voller Überwachungskameras. Die Technik hat sich verändert, die Ökonomie hat sich verändert und unsere ganze Branche hat sich verändert.
Das soll übrigens keine Verteidigung von „The Dog Stars“ sein. Wenn ein Film träge ist oder nicht spannend genug, darf und soll man das sagen.

Aber wenn ich schon kritisiere, wie jemand arbeitet, interessiert mich auch, warum sich diese Arbeitsweise entwickelt hat.
Ich selbst finde zum Beispiel bei einer Komödie zwei oder drei Kameras oft großartig. Eine Komödie lebt von Rhythmus, Reaktion und Timing. Da kann es enorm helfen, mehrere Darsteller gleichzeitig einzufangen.
Wenn ich aber einen Film mache, bei dem Atmosphäre, Spannung und Bildkomposition im Vordergrund stehen, würde ich persönlich noch immer lieber versuchen, ein Gemälde zu erschaffen, als einen Raum mit Überwachungskameras auszustatten.
Vielleicht ist genau das der Punkt: Es gibt nicht die richtige Anzahl an Kameras.
Es gibt nur die Frage, ob die Technik dem Film dient – oder ob irgendwann der Film der Technik dient.
Ja, das war’s wieder.

Wieder einmal ein bisschen über meinen Beruf nachgedacht. n and his 11 Cameras