In Amerika passieren gerade ein paar Dinge, die ich als Filmschaffender wahnsinnig spannend finde.
Da ist zum Beispiel „Obsession“, ein Film des YouTubers Curry Barker. Gedreht um ungefähr 750.000 Dollar, weltweit mittlerweile bei knapp 510 Millionen Dollar Einspielung. Nein: Einspielung ist nicht gleich Gewinn. Da sitzen Kinos, Verleih, Werbung, Verträge und vermutlich auch ein paar Anwälte mit sehr guten Wohnungen dazwischen. Aber es bleibt trotzdem eine Zahl, bei der man sich fragt: Warum haben wir eigentlich so lange so getan, als könne nur ein riesiger Apparat einen Kinofilm groß machen?
Und dann „Backrooms“, ebenfalls von einem YouTube-Creator: deutlich günstiger als das übliche Studiokino, aber mit einem Publikum, das längst vorhanden war und nicht erst durch drei Testscreenings erfunden werden musste.
Natürlich beginnt Hollywood jetzt, diese Leute zu jagen. Netflix holt YouTube-Stars, YouTube versucht sie mit Millionen und Exklusivität zu halten. Das ist kein romantischer Aufstand gegen die Industrie. Es ist ein handfester Kampf um Aufmerksamkeit, Reichweite und junge Zuschauer. Aber genau dadurch entsteht Bewegung.
Und auch bei den Kinos tut sich etwas: Alamo Drafthouse zeigt künftig ausgewählte Festivalfilme ohne klassischen Verleih direkt im Kino und hilft beim Marketing. Nicht: „Jeder, der ein Handy gerade halten kann, bekommt einen Saal.“ Aber immerhin: Wenn ein Film funktioniert, muss er nicht zwingend vorher von allen Institutionen abgenickt worden sein, um sein Publikum finden zu dürfen.
Das ist für uns im deutschsprachigen Raum schon ein interessanter Gedanke. Bei uns ist der Weg oft sehr klar organisiert: Förderung, Sender, Gremien, noch ein Gremium, vielleicht ein Sender, dann ein Festival – und wenn alles gut geht, darf der Film irgendwann beweisen, dass es ihn gibt.
Diese Strukturen haben ihren Sinn. Ohne Förderung wären viele gute, mutige, kleine Filme gar nicht möglich. Und auch in Amerika wird nicht plötzlich jeder unabhängig reich: Viele arbeiten sich weiterhin kaputt, machen Dinge für zu wenig Geld und werden erst sichtbar, wenn sie sich vorher schon selbst ausgebeutet haben.
Trotzdem: Es entstehen neue Türen. Kleine Budgets, direkte Fanbindung, neue Vertriebswege, Kinos, die nicht nur auf das nächste Superhelden-Universum warten. Und vor allem ein Publikum, das offenbar wieder Hunger auf etwas hat, das es noch nicht kennt.
Wir alle kennen das: Man scrollt sich durch die Angebote der Streamingdienste, als wäre man im größten Buffet der Welt – und am Ende nimmt man doch wieder eine trockene Semmel, weil man nichts findet, das einen wirklich anlacht.
Der Hunger nach Frischem ist da. Nach neuen Stimmen, neuen Erzählweisen, vielleicht auch nach ein bisschen Risiko.
Ob das alles irgendwann zu uns kommt? Keine Ahnung. Wahrscheinlich wird auch diese neue Freiheit bald wieder von Verträgen, Plattformen und Algorithmen eingesammelt. Aber im Moment ist da eine Lücke im Zaun. Und durch diese Lücke kommen plötzlich Filme herein, die vorher wahrscheinlich nie bis zur Kinokassa gekommen wären.
Das allein ist schon einmal eine gute Nachricht.