Ich habe in den letzten Wochen viel über die Umbrüche in Hollywood gelesen. Fusionen von Studios und Medienkonzernen, weniger Produktionen in Los Angeles, künstliche Intelligenz und natürlich die Angst vor einem massiven Jobverlust innerhalb der Filmwirtschaft.
Dabei bin ich über eine Zahl gestolpert, die mich überrascht hat.
Die sogenannte Creative Economy beschäftigt in Kalifornien direkt ungefähr fünf Prozent aller Arbeitnehmer. In Los Angeles ist die Kreativwirtschaft natürlich wesentlich stärker konzentriert als anderswo, aber auch dort bekommt man ein interessantes Gefühl für die Größenverhältnisse, wenn man sich andere Branchen anschaut: Rund ein Viertel aller privat Beschäftigten in Los Angeles County arbeitet im Bereich Bildung und Gesundheit.
Das fand ich interessant. Nicht, weil die Probleme der Filmwirtschaft deshalb weniger wichtig wären. Die sind real. Allein 2025 sind in der Creative Economy von Los Angeles County rund 23.600 Arbeitsplätze verloren gegangen. Die Filmproduktion in Los Angeles befindet sich tatsächlich in einem gewaltigen Umbruch.
Aber vielleicht ist das eine ganz interessante Übung darin, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen.
Wenn ein Hollywood-Star seinen Job verliert, wird das wahrscheinlich nicht passieren. Wenn aber ein bekanntes Studio 500 Leute abbaut, lesen wir weltweit darüber. Wenn irgendwo 500 Pflegekräfte fehlen oder Menschen im Gesundheitswesen wegen Überlastung ihren Beruf verlassen, schafft es das wesentlich schwerer in unsere tägliche Wahrnehmung.
Über Johnny Depps Probleme wird nun einmal leichter berichtet als über eine Krankenschwester, die nach einer überlangen Schicht übermüdet nach Hause fährt und vielleicht einen Verkehrsunfall verursacht.
Das ist gar keine Kritik an Hollywood. Ich arbeite selbst in der Unterhaltungsbranche. Vielleicht fällt es mir gerade deshalb auf.
Wir hatten etwas Ähnliches vor ein paar Jahren in Österreich. Während der Pandemie hatte man innerhalb der Kreativbranche zeitweise das Gefühl: Jetzt ist Steinzeit. „Wir dürfen nicht sterben“, Zusammenschlüsse wurden gegründet, Künstler meldeten sich zu Wort, die Branche war medial enorm präsent.
Heute, ein paar Jahre später, schaue ich mir die Social-Media-Posts vieler Menschen aus unserer Unterhaltungsindustrie an und denke mir: Renaissance. Es wird gespielt, gedreht, geschrieben, produziert, angekündigt. Und das ist gut so. Jeder soll arbeiten.
Nur zeigt es auch etwas anderes.
Die Unterhaltungsbranche hat eine außergewöhnlich starke Möglichkeit, ihre eigene Situation öffentlich sichtbar zu machen. Wir produzieren schließlich Öffentlichkeit. Wir haben Bühnen, Kameras, Interviews, soziale Medien, Journalisten und teilweise selbst ein Publikum.
Dadurch entsteht manchmal eine seltsame Verschiebung in der Wahrnehmung.
In Österreich waren 2024 rund 148.000 Menschen im Kultursektor beschäftigt. Das ist eine beachtliche Zahl, aber gemessen an allen Erwerbstätigen trotzdem nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz.
Das heißt nicht, dass das Einzelschicksal eines Schauspielers, einer Maskenbildnerin, eines Beleuchters oder eines Autors, der plötzlich keine Arbeit mehr bekommt, weniger schlimm wäre. Überhaupt nicht.
Mich interessiert etwas anderes: Warum bekommen wir manchmal das Gefühl vermittelt, irgendwo brenne bereits der ganze Wald, obwohl zunächst einmal ein bestimmter Teil des Waldes brennt?
Vielleicht hat das auch damit zu tun, wer Zugang zur Öffentlichkeit hat.
Wer in einer Branche arbeitet, die Geschichten erzählt, kann naturgemäß auch die Geschichte der eigenen Krise ziemlich gut erzählen.
Und Medien unterstützen diese Dynamik natürlich. Nicht einmal aus böser Absicht. Ein Hollywood-Star, ein bekanntes Studio oder ein berühmter Regisseur erzeugt schlicht mehr Aufmerksamkeit als die Probleme einer unbekannten Krankenschwester.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich unterscheiden zwischen der Größe eines Problems und der Größe seiner öffentlichen Wahrnehmung.
Manche Dinge sind nicht automatisch der Nabel der Welt, nur weil sie gerade so beschrieben werden.
Das sage ich nicht als Kritik an meiner eigenen Branche. Im Gegenteil. Mich interessiert, warum solche Wahrnehmungen entstehen. Ich möchte die Zusammenhänge verstehen. Und am ehesten kann ich das natürlich dort versuchen, wo ich selbst seit Jahrzehnten arbeite.
Gerade in der Entertainment-Branche ist die Entwicklung momentan tatsächlich spannend. Alles ist beweglich geworden. Studios fusionieren, Produktionsstandorte verschieben sich, Streaming verändert sich, künstliche Intelligenz kommt dazu, Berufsbilder verschwinden vielleicht und andere entstehen.
Es ist alles ziemlich fluid geworden.
Mal schauen, wo sich das am Ende wieder einpendelt.